Der Dachdeckermeister (Kleffmann Verlag)
Kloster Grafschaft und das zum Ensemble gehörende Fachkrankenhaus liegen in einem von Wiesen und Wald umgebenen Tal nahe der sauerländischen Stadt Schmallenberg.

Neue Dächer für westfälisches Ensemble (01.08.2001)Kloster Grafschaft wurde im 8. Jahrhundert von Mönchen erworben und war danach über mehrere Jahrhunderte der bedeutendste kirchlichkulturelle und wirtschaftliche Mittelpunkt des Sauerlandes. Das Kloster wurde im Laufe seiner langen Geschichte mehrmals zerstört, wechselte mehrmals den Besitzer und wurde schließlich 1804 aufgehoben. Seit 1948 wird Kloster Grafschaft von der Ordensgemeinschaft der Borromäerinnen betreut. Alle Dächer des aus mehreren Gebäuden bestehende historischen Ensembles sind mit westfälischem Schiefer gedeckt. Die ältesten, heute noch intakten Schieferdeckungen der Klostergebäude und der Domäne sind Altdeutsche Doppeldeckungen aus der Zeit um 1950. Die später folgenden Neudeckungen wurden dann, dem Trend der Zeit entsprechend, in Einfachdeckung hergestellt.
Neudeckung im historischen Bestand
Im Jahre 2000 wurden auf den großen Dachflächen des Hauptgebäudes umfangreiche Dacharbeiten ausgeführt. Da das Baudenkmal in der Denkmalliste eingetragen ist, mussten die Dachdeckungsarbeiten dergestalt ausgeführt werden, dass das äußere Erscheinungsbild des Ensembles gewahrt bleibt. Für den historischen Gebäudeteil bedeutete das z.B. Kehlendeckungen nach Altdachbefund. Die Dachsanierung begann mit der Entsorgung der alten Doppeldeckung; es folgten holzkonstruktive Maßnahmen und eine Erneuerung der Dachrinnen. Die Dachschalung bestand aus ungewöhnlich breiten Eichenbrettern. Im Laufe der Zeit hatten sich infolge großer Sparrenabstände von mehr als einem Meter starker Durchhänge und breite Schalungsfugen gebildet. Auf dieser Schalung wäre eine solide Verlegung der Schiefer nicht möglich gewesen, denn auf stark verformter Dachschalung ist ein Klaffen der Schiefer und ein optisch unregelmäßiges Deckungsbild nicht auszuschließen. Außerdem ist auf alten, harten Eichenbrettern eine sensible Befestigung der Schiefer nicht möglich, da deren Nagellöcher durch die bei Eichenschalung erforderlichen harten Hammerschläge ausbrechen oder Steine Bruchschäden erleiden können. Aus besagten Gründen wurde zunächst die alte Schieferdeckung abschnittsweise, im Umfang einer überschaubaren Tagesleistung abgenommen und die stark geformte Dachfläche durch Aufdoppeln von Latten oder Kanthölzern auf die vorhandene Schallung so gut wie möglich egalisiert. Die dazu benötigten Holzquerschnitte bis zu 150 mm machen die Unebenheiten der alten Holzschalung deutlich. Zusätzlich wurde die Schalung im Bereich des nicht ausgebauten Dachraumes durch unterseitig aufgeschraubte Hölzer 100/40 ausgestreift. Für die neue Dachschalung wurden Fichtenbretter der Sortierklasse DIN 4074 S 10, der Nenndicke 24 mm, verwendet. Die Ausführung der Altdeutschen Schieferdeckung erfolgte nach sauerlänischer Tradition in Rechts- und Linksdeckung. Für die Neudeckung wurde Fredeburger Schiefer der Sortierung 1/8 bis 1/16 verwendet. Da die ausgebauten, beheizten Dachräume des alten Klostertraktes nicht den heutigen bauphysikalischen Kriterien entsprechen (können), muss damit gerechnet werden, dass eine auf dem Dach angefrorene, hohe Schneedecke unter dem Einfluss der Hauswärme unterseitig abtaut und auf dem Schmelzwasserfilm großflächig abgleitet. Das ist ebenso der Fall, wenn Schnee und Eis auf südwärts orientierten Steildachflächen unter Einwirkung der Mittagssonne spontan abtauen. Winterliche Temperaturintervalle können die Funktionssicherheit einer Dachdeckung im Traufenbereich erheblich stören. Deshalb wurden bei der Neudeckung nicht nur längs der Dachrinnen, sondern auch oberhalb der Gauben, bis an die Hauptkehlen heranreichende Schneefangeinrichtungen eingebaut. Dies in der Absicht, eine auf der Dachfläche aufliegende Schneedecke in Einzelflächen abzuschotten und so die Schubkraft der auf einem Schmelzwasserfilm abgleitenden verharschten oder vereisten Schneemasse zu reduzieren. Die verzinkten Stützen für hohe Schneelast wurden vor Beginn der Schieferdeckungsarbeiten auf der Dachbahnvordeckung nach waagerecht abgetragenem Schnurschlag befestigt. Die Stützen sind im seitlichen Abstand von etwa 60 cm auf einer beiderseits mit Wasserfalz ersehenen Metallunterlage aus Bleiblech mit je 3 langen Holzschrauben befestigt. Der Einbau erfolgte dergestalt, dass die Stützen bei Schneelast keinen schadensursächlichen Druck auf einen der darunter befindlichen Schiefer ausüben können und die Überdeckungen der Metallunterlage und Schiefer mindestens denen der anzuschließenden Deckgebinde entspricht. Die Schneefangeinrichtung wurde nach Fertigstellung der Schieferarbeiten an die Blitzanlage angeschlossen.
Der neue Funktionstrakt
Auf dem weitläufigen Areal "Kloster Grafschaft" ist ein aus mehreren Gebäuden bestehendes Fachkrankenhaus für Innere Medizien mit Schwerpunkten Lungen- und Bronchialheilkunde und Allergien etabliert. In jüngster Zeit wurde das Fachkrankenhaus um einen neuen Funktionstrakt mit Intensivstation erweitert. Der mehrgeschossige Neubau hat ein für medizinische Dienste und ständigen Aufenthalt von Personen ausgebautes Steildach. Die tragenden Wand- und Deckenbauteile, hier z.B. Dachschrägen, Dachdecken und auch Gauben, bestehen aus Stahlbeton, die inneren Ausbauschichten sowie die Wärmedämmstoffe aus nicht brennbaren Baustoffen der Baustoffklasse A1. Besagte Bauteile sind gemäß DIN 4102 Teil 1 in der Feuerwiderstandsklasse F 90 eingestuft und demnach unter definierten Normbedingungen „feuerbestänig" und „nichtbrennbar". Die Klassifizierung F 90 besagt, dass die so eingestuften Bauteile einem unter Normbedingungen einwirkenden Feuer für die Dauer von 90 Min. widerstehen, ohne ihre zugedachte Funktion einzubüßen. Die Normzeit 90 Min. gewährt im Brandfalle den im Dachgeschoss sich aufhaltenden Person die Möglichkeit, während dieser Zeit das Dachgeschoss ohne Schaden an Leben oder Gesundheit zu verlassen. Die Feuerwiderstandsklasse gilt nicht für die Baustoffe der hier aus Schiefer auf Holzschalung und Vordeckbahnen bestehenden Dachdeckung. Schieferdeckungen dieser Art sind in der Brandschutznorm DIN 4102 als „Harte Bedachung" eingestuft. Die Altdeutsche Schieferdeckung ist eine auf Holzschalung aus Fichtenbrettern der Sortierklasse DIN 4074 S 10 ausgeführte Einfachdeckung aus Fredeburger Schiefer. Die Dacharchitektur dieses Gebäudes nimmt insbesondere durch die Form der Gauben respektvollen Abstand von den Dächern des historischen Bestandes. In Angleichung an die bereits bestehenden Neubaudächer des medizinischen Ensembles haben die sich kubisch darstellenden Gauben des neuen Funktionstraktes keinen Gesimsüberstand und keine Schieferkehlen. Die Anschlüsse der Gaubenwangen an die Schieferdeckung der Hauptdachfläche sind mit unterliegenden Schichtstücken aus Titanzink hergestellt. In bauseits geforderter Angleichung an die angrenzenden Gebäudeflügeln sind die Schichtstücke ohne Ortsgebinde eingebunden.
Fazit:
Das weitläufige Ensemble „Kloster Grafschaft" besteht aus dem unter Denkmalschutz stehenden historischen Bestand mehreren, in den vergangenen Jahrzehnten errichteten Neubauten. Alle Gebäude haben Steildächer mit Schieferdeckung. Vorstehend wird berichtet, welche Bauleistung bei einer umfänglichen Dachsanierung eines Klostergebäudes erforderlich waren und wie bei einem Neubaudach des zum Ensemble gehörenden Fachkrankenhauses den bauseits geforderten Architekturkriterien entsprochen wurde.